Handelsaustausch mit der EU verliert an Bedeutung

Wer sich an den Zahlen orientiert, stellt unschwer fest: Während die Schweiz in der ganzen Welt Exporterfolge verzeichnet, stagniert der Handelsaustausch mit der EU seit 2009.

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Es gibt Statistiken, die werden, kaum veröffentlicht, von allen Medien in alle Stuben getragen – zumeist mit ziemlich ähnlichen Worten kommentiert. Es gibt andere Statistiken, welche die Medienschaffenden nahezu geschlossen unbeachtet lassen. Ganz so, als wäre die Meinungsvermittlung hierzulande durchgehend kartellisiert.

Eine offensichtlich nicht beachtete Statistik ist jene über die Entwicklung des Aussenhandels der Schweiz. Es ist dem Wirtschaftspublizisten Tobias Straumann zu verdanken, dass wenigstens auf Umwegen bekannt wird, dass die Europäische Union als Exportpartnerin der Schweiz seit Jahren an Bedeutung verliert.

Straumann verweist auf eine Statistik, welche den Stand der Schweizer Exporte im Jahr 2000 – sowohl die Exporte in die EU als auch jene in die gesamte Welt – dem Index 100 zuordnet. Darauf illustriert die Statistik mit zwei Kurven, wie sich die Schweizer Exporte in die EU anteilsmässig entwickeln mit Bezug auf die Gesamtexporte der Schweiz in die ganze Welt.

Ausgangspunkt

Als die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU um die Jahrtausendwende in Kraft traten, wickelte die Schweizer Wirtschaft rund zwei Drittel ihres Aussenhandels mit EU-Ländern ab. Die bilateralen Verträge sollten – so wurde damals von allen Seiten betont – dem Aussenhandel unseres Landes mit seinen wichtigsten Handelspartnern, den im EU-Binnenmarkt vereinigten EU-Ländern, zusätzlichen Schub verleihen.

Zunächst bestätigte sich diese Prognose einigermassen. Die Statistik über die Exportentwicklung zeigt, dass sich ab dem Jahr 2000 bis zum Tag, da die schwere Finanzkrise im Jahr 2008 die ganze Welt erschütterte, der Aussenhandel der Schweiz mit der EU genau gleich entwickelte wie der Schweizer Aussenhandel mit der ganzen Welt. Die EU behauptete ihren Anteil an der Exportentwicklung in dieser Phase der Wirtschaftsentwicklung offensichtlich. Von Ausweitung des EU-Handels im Vergleich zur gesamten Export-Tätigkeit konnte nach Inkrafttreten der Bilateralen allerdings keine Rede sein.

Die Finanzkrise

2008 brach die Wirtschaftsentwicklung bekanntlich massiv ein. Davon wurde sowohl der Aussenhandel der Schweiz mit der EU als auch jener mit der übrigen Welt – dieser zwar etwas weniger deutlich – markant getroffen.

Ab 2009 setzte eine allmähliche Erholung des zuvor eingetretenen Einbruchs ein. Die Schweizer Wirtschaft erzielte bald wieder Spitzenergebnisse im Export.

EU-Exporte stagnieren

Ihre Exporterfolge erringt die Schweizer Wirtschaft seit 2009 aber klar in den Ländern ausserhalb der EU. Demgegenüber stagniert der Handel mit EU seit 2009 offensichtlich. Entsprechend verliert der EU-Handel an Gewicht im Vergleich zu den Schweizer Exporten in alle anderen Länder der Welt.

Derzeit erzielt die EU noch einen Anteil von 56 Prozent am Schweizer Aussenhandel. Berücksichtigt man den inzwischen beschlossenen (aber noch nicht umgesetzten) Brexit, dann sinkt der EU-Anteil am Schweizer Aussenhandel gar deutlich unter fünfzig Prozent.

Werden zudem nicht bloss die Waren, sondern die für die Schweiz besonders wichtigen Dienstleistungsexporte in der Handelsstatistik mitberücksichtigt, verliert die EU als Handelspartnerin der Schweiz weiter an Gewicht. Der Anteil der Schweizer Exporte in die EU liegt im Waren- und Dienstleistungssektor gegenwärtig bei rund 48 Prozent. Jener in die EU ohne Grossbritannien beträgt aber nur noch 37 Prozent.

Endlich Klarheit schaffen!

Nun behauptet niemand, dass die 37 Prozent der Schweizer Waren- und Dienstleistungsexporte, welche in die EU ohne Grossbritannien fliessen, nicht von Bedeutung wären. Trotzdem muss der Zeitpunkt als gekommen erklärt werden, die wahre Entwicklung des Schweizer Aussenhandels auf der Grundlage belegbarer Statistiken der Bevölkerung endlich ehrlich zu vermitteln. Und nicht länger – den angeblich «unverzichtbaren Bilateralen» zuliebe – elementare Fakten zu unterschlagen.

Tatsache ist: Während der Handelsaustauch zwischen der Schweiz und der übrigen Welt seit Jahren boomt, stagniert jener mit der EU zumindest seit 2009. Wird der Brexit Tatsache, verliert die EU als Handelspartnerin der Schweiz erneut deutlich an Gewicht.

Der Schweizer Exporterfolg und der daraus sich in unserem Land entwickelnde Wohlstand sind von Jahr zu Jahr stärker abhängig von Schweizer Exporten in Nicht-EU-Länder. Die EU bleibt von Bedeutung, verliert als Handelspartnerin der Schweiz aber von Jahr zu Jahr an Gewicht.

Quelle: Tages-Anzeiger Online, 30. August 2017 (https://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/42348/drei-ueberraschungen-im-export/)

EU-No/US

Bild: Tages-Anzeiger Online, 30.8.2017